Toter Fisch

Toter Fisch

Ein toter Fisch liegt am Strand. Ein großer, toter Fisch. Er sieht aus, als wäre er aus einer Abbildung in einem Lexikon für Meerestiere herausgeschnitten worden. Stumpf schimmert seine schuppige Haut  blau, lila, grünlich. Einst  glänzte sie  in den Tiefen des Ozeans.Die Höhlen der Augen sind leer. Weiße, schmale Grätenränder bilden die Kanten ins Nichts. Wenn die Augen  das schützende Element Wasser nicht mehr um sich haben, platzen die hauchdünnen Häute und das wässrige Innere wird von den glühenden Strahlen der Junisonne aufgesaugt.Und so liegt er nun da am weiten Strand. Durch die  Flut nachts  ans Land getragen und von der Ebbe zurückgelassen.Sein Maul ist weit geöffnet, so als hätte er noch lange nach Luft geschnappt, als er an Land geworfen worden war. Dort  in seinem offenen Maul haben die Fliegen Eier gelegt; sein  Mund war zur Brutstätte geworden, wie kleine Perlen, ordentlich aneinandergereiht  liegt Ei an Ei.Ein Spaziergänger schlendert barfuss mit hochgekrempelten Hosenbeinen und einem Hut  auf dem Kopf an ihm vorbei. Surfer in schwarzen Neoprenanzügen tragen ihre Bretter zum Meer. Schnell gehen sie, in rauschender Vorfreude sich endlich von den Wellen wieder tragen zu lassen, sich in sein Element zu stürzen, dem er entrissen wurde. Ein struppiger Hund beschnuppert ihn und uriniert in den Sand. Unter anderem kommt auch eine Familie  vorbei und betrachtet den Fremdling.Die Eltern, die Mutter trägt das Mädchen auf dem Arm weg, um es vor einer unangenehmen Begegnung zu schützen, gehen weiter. Der Junge bleibt stehen,  nimmt einen Stock und sticht in den weichen Leib. Erst vorsichtig, dann immer kräftiger mit immer mehr Druck stößt er den Stock in den Bauch des Fisches. Ein, zwei Fliegen flüchten aus dem Maul. Plötzlich wird dem Jungen schlecht. Er wendet sich vom Fisch ab und schmeißt seinen vom Meer und von der Sonne gebleichten Stock weit von sich in eine Pfütze, eine warme Pfütze durch die er zuvor  mit seinen noch weißen, nackten Beinen gewatet war.
Später.
Sie sitzen draußen vor dem Haus in dem sie Urlaub machen, hier in Frankreich, am Tisch. Er  und seine kleine Schwester, die in dem Urlaub die ersten Schritte gemacht hat, frei ohne, dass sie gehalten werden musste. Erst vor ein paar Tagen einfach so am Nachmittag. Die Mutter war in Jubel ausgebrochen. Er sitzt am Tisch rechts neben Vater, der  Richter und der immer sehr streng mit ihm ist. Sein Spruch ist: „Streng aber gerecht!“ Gerne sagt er ihn auch auf Spanisch: „ Severo pero justo!“ Vater mit dem dunklen Schnauzbart im Gesicht und der hellen Haut. Vater, der Angst vor einem Sonnenbrand hat und der immer ein T-Shirt trägt. Vater, dem es sehr gut gefällt im Urlaub und der sagt: „Diesmal will ich  so richtig ausspannen!“ Dabei trommelt er so hektisch, wie immer mit den Fingern auf allem, was ihm in die Finger kommt. Es ist heiß heute draußen und es riecht nach schlechtem Fisch. Er, der Junge kann es riechen und anscheinend nur er. Die anderen wirken  ganz vergnügt. Seine Schwester sitzt in ihrem Hochstuhl  und sagt immer wieder: „Ada, ada!“, ihr neues Lieblingswort. Sein Vater trommelt mit den Fingern auf den Plastiktisch und schaut zufrieden hinaus aufs Meer. Seine Mutter hört er in der Küche hantieren. Sie trägt heute  ihr neues Sommerkleid, das sie sich gestern in dem kleinen Städtchen mit dem schönen französischem Namen und dem großen, alten Holzschiff im Hafen, gekauft hat. Der Tisch ist mit Tellern und Geschirr aus dem Haus gedeckt. Er hat eine kalte Orangina vor sich stehen, die er ausnahmsweise aus der Flasche trinken darf.Nebenan hinter den Büschen wird französisch gesprochen. Das Meer ist  nicht laut, wie manchmal am Abend oder am Morgen. Es ist still und ganz weit draußen. So, wie es seiner Mutter am besten gefällt.Er nimmt einen Schluck von der kalten Orangina. Sie schmeckt süß und lecker und er wartet zusammen mit seinem Vater und seiner Schwester auf das Essen. Vater fängt jetzt an zu pfeifen, so gut gelaunt ist er.Und dann bringt die Mama das Essen. Eine große Schüssel aus Porzellan auf der am linken Schüsselrand eine schwarze Muschel und ein roter langbeiniger Hummer aufgemalt sind. Auf der großen, runden Schüssel liegt der Fisch vom Strand, groß und stinkend, bestialisch stinkend mit den leeren Augenhöhlen und den Fliegeneiern im Mund.Papa sagt: „ Junge, der ist für dich, ganz allein für dich!“ und dabei legt er ihm die Hand auf die Schulter. Die rechte Hand mit der er zuvor so fröhlich auf den Tisch getrommelt hatte, die Richterhand.„Für dich!“, sagt jetzt auch Mama und lächelt ihn an. Sie steht ihm gegenüber am Tisch und mit einer großen, langen Schere fängt sie an den Fisch aufzuschneiden. Mit der linken Hand an der sie einen dicken Stoffhandschuh trägt, versucht sie den Fisch auf den Rücken zu drehen. So gut das eben geht bei einem Fisch und schneidet ihm den Bauch auf. Sein Vater hat immer noch die Hand auf seiner Schulter und lächelt. Sein Vater wartet, er will sehen, wie er den Fisch isst. Nachdem seine Mutter den Bauch aufgeschnitten hatte, kommen auch aus dem Bauch des Fisches Fliegen, dicke, schwarze Fliegen und die Eier der Fliegen kullern heraus wie kleine Tischtennisbällchen. Sie rollen auf der Schüssel zum roten Hummer hin.Seine Schwester sagt: „ Ada, ada!“ Dann schiebt ihm die Mutter die Platte hin, so direkt vor ihn hin, direkt an seinen Platz am Tisch, direkt vor seine Nase und dann auf einmal als er sich schon sieht, wie er mit Daumen und  Zeigefinger eins der Eier vorsichtig aufhebt, da sagt seine Mutter: „Den Flügel isst du doch immer am liebsten.“