Tage im April

Tage im April
Sie sagten: Wir haben Urlaub, Urlaub vom eigenen Leben.
Am Morgen saßen sie in der Küche und schauten dem Regen zu, den schweren Wolken am tiefen Himmel. Sie sahen, wie sie heranzogen und in heftigen Schauern niedergingen.
Zu Mittag aßen sie in einem kleinen, indischen Imbiss irgendwo im Industriegebiet West, direkt neben dem Schrottplatz.
Regenwasser rann an den Scheiben herunter. Alle Tische waren besetzt. Der Chai in kleinen Gläsern schmeckte wie in Mombasa und das Chickencurry wie in Jaipur.
Dann gingen sie über den großen Parkplatz in den Mediamarkt. Auf riesigen Bildschirmen mit unfassbaren Auflösungen lief immer wieder die selbe Jagdszene.
Die selben Bilder, die gleichen Bewegungen der Tiere; ein Wüstenfuchs versucht eine Gazelle zu fangen. Das alte Spiel. Das alte Spiel um Leben und Tod. Die Gazelle gewinnt und kann entkommen. Diesmal.
Sie kauften nichts.
Auf dem Heimweg pflückten sie Narzissen von den Hängen am Zubringer.
Wieder zu Hause schlachteten sie einen Osterhasen. An der Tischkante brachen sie ihm das Genick. Es war ein heftiger Schlag. „You are a good rabit!“
Sie aßen die Schokoladestücke und tranken Tee. Eine Mischung von Kräutern, abgepackt in kleinen Beuteln. Der Tee hieß: „Freu Dich!“ Die Werbeleute hatten sich etwas einfallen lassen.
Wieder zogen aus dem Westen Wolken heran.
Im Baum vor dem Fenster sammelte eine Amsel kleine Ästchen für den Nestbau.
Die Katze brachte einen toten Spatzen an die hintere Tür. Ein Liebesbeweis.
Das alte Spiel.
Kleine, graue, weiche Federchen verteilten sich auf dem Schuhabtreter.
Das alte Spiel. Das alte Spiel um Leben und Tod.
Am frühen Abend Regenbogenwetter. Sie fuhren ins kleine Tal. Rehe standen am Waldrand und flüchteten. Im Westen war der Himmel in tiefem Orange und dunklem Blau getränkt.
Sie trugen Kröten über die Straße zum Teich und wünschten ihnen einen schönen Sommer.
Es hatte aufgehört zu regnen.
Auf dem Rückweg zum Auto schauten sie in den Nachthimmel. Unzählige Sterne funkelten über ihnen. Sie pickten sich zwei oder drei vom Himmel und stickten sie auf ihre Nachtgewänder.
Als sie kurz darauf durch den Tunnel in die Stadt zurückfuhren, waren sie fast alleine.
Trotz der vielen Bilder hatten sie im Schlaf keine Träume.